Für viele Unternehmen wirken die Kategorien ihrer Softwarelandschaft selbstverständlich.

Informationen befinden sich in unterschiedlichen Systemen. Prozesse werden durch unterschiedliche Anwendungen unterstützt. Aufgaben werden in spezialisierten Lösungen bearbeitet.

Die Aufteilung erscheint natürlich.

Aber vielleicht ist sie das nicht.

Vielleicht erinnert die aktuelle Diskussion an eine andere Beobachtung.

Dem oft zitierten Satz von Henry Ford zufolge hätten Menschen sich schnellere Pferde gewünscht, wenn man sie nach der Zukunft der Mobilität gefragt hätte.

Ob das historisch stimmt, ist zweitrangig.

Interessant ist die dahinterliegende Beobachtung.

Menschen formulieren Zukunft häufig innerhalb der Kategorien, die sie bereits kennen.

Vielleicht geschieht heute etwas Ähnliches.

Wir diskutieren über intelligentere ERP-Systeme.

Über KI-gestützte CRM-Lösungen.

Über automatisierte Prozesse.

Über die nächste Generation bestehender Software.

Doch vielleicht liegt die eigentliche Frage an einer anderen Stelle.

Warum gehen wir selbstverständlich davon aus, dass Software weiterhin als Sammlung spezialisierter Lösungen organisiert sein muss?

Warum erscheint es selbstverständlich, Organisationen in Anwendungen zu zerlegen?

Warum sollte jede Funktion ihre eigene Software besitzen?

Warum sollte jede Software ihre eigenen Daten besitzen?

Warum sollte jede Aufgabe ihr eigenes System benötigen?

Vielleicht sind diese Fragen heute schwer zu stellen, weil die Antworten längst selbstverständlich geworden sind.

Organisationen existierten lange bevor es diese Systeme gab.

Sie trafen Entscheidungen, koordinierten Arbeit, dokumentierten Informationen und schufen Wertschöpfung.

Die Organisation funktionierte als zusammenhängendes System.

Mit der Digitalisierung entstand jedoch ein neues Problem.

Organisationen mussten technisch beschreibbar werden.

Speicher war knapp. Rechenleistung war teuer. Netzwerke waren langsam. Softwareentwicklung war aufwendig.

Die technischen Möglichkeiten setzten Grenzen.

Um diese Grenzen beherrschbar zu machen, wurden Informationen gebündelt, Zuständigkeiten getrennt und Prozesse in Systeme überführt.

Aus diesen technischen Antworten entstand die Softwarelandschaft, die wir heute kennen.

Über die Jahre begannen wir jedoch, diese Antworten mit der Organisation selbst zu verwechseln.

Die Kategorien der Software wurden zu den Kategorien der Organisation.

Langsam entstand der Eindruck, die Organisation bestehe tatsächlich aus den Bereichen, in die sie technisch zerlegt worden war.

Dabei kennt die Organisation diese Grenzen nicht.

Sie kennt Kunden, Ressourcen, Entscheidungen, Verantwortlichkeiten, Beziehungen und Prozesse.

Sie kennt Zusammenhänge.

Die Grenzen entstehen häufig erst dort, wo wir beginnen, diese Zusammenhänge technisch zu beschreiben.

Genau deshalb könnte sich eine andere Frage auftun.

Was passiert, wenn die technischen Probleme verschwinden, auf die diese Kategorien ursprünglich eine Antwort waren?

Und was passiert, wenn Speicher, Rechenleistung, Vernetzung und Automatisierung nicht länger die maßgebenden Einschränkungen darstellen?

Warum sollten die Antworten bleiben, wenn die Probleme verschwinden?

Vielleicht verlieren dann nicht nur einzelne Systeme ihre Selbstverständlichkeit.

Vielleicht verliert die Softwarelösung selbst ihre Selbstverständlichkeit.

Vielleicht waren CRM, ERP und andere Anwendungen nie organisatorische Notwendigkeiten.

Aber vielleicht waren sie Antworten auf die technischen Begrenzungen ihrer Zeit.

Denn wenn das zutrifft, dann diskutieren wir möglicherweise über die Zukunft bestehender Softwarekategorien, obwohl die eigentliche Frage eine andere ist.

Denn meist fragen wir uns, wie wie bestehende Anwendungen intelligenter werden.

Aber diese Diskussion setzt bereits voraus, dass die heutige Form von Software gesetzt ist.

Doch warum sollte Software weiterhin in Kategorien organisiert werden, die aus den technischen Begrenzungen einer anderen Zeit entstanden sind?

Vielleicht stehen wir deshalb nicht vor der nächsten Generation von Software.

Aber vielleicht stehen wir vor dem Ende der Vorstellung, dass Software überhaupt in Kategorien organisiert werden muss.

Denn dann stellt sich eine andere Frage:

Wie würden wir Software entwerfen, wenn wir heute zum ersten Mal versuchen würden, Organisationen digital zu unterstützen?